Arbeitsweise und Ausdrucksformen

Mein Name ist Julia Ketelhut und ich bin 25 Jahre alt. Ich habe dieses Stück geschrieben und führe Regie. Ich habe Glück, als Teil einer festen Gruppierung agieren zu dürfen, die seit 2012 gemeinsam Projekte verwirklicht.
Uns interessiert zentral in der Ausdrucksform unserer Arbeit, die Wirren der unendlichen Vielfalt menschlicher Wahrnehmung abzubilden, zu dokumentieren und deutlich zu machen.
Ich habe in den letzten Jahren als Ergotherapeutin viel Zeit mit autistischen, schizophrenen, persönlichkeitsgestörten und drogenabhängigen Menschen verbracht.
Hierbei habe ich meine Angst, vor dem Unvorhersehbaren im Menschen allgemein verloren.
Ich kam zu der Erfahrung, dass das Nicht-Verstehbare der Menschen unter Einander, permanent zu Ihrer Trennung beitrug.
Mich interessierte der Sinn ihres Handelns, somit gewährten sie mir Einblicke in ihre Auffassungen und ihre Sicht und ich begann, ihnen zu helfen dies mithilfe von Farbe und Pinseln, oder Holz oder Ton zu dokumentieren. Da ich immer schrieb und malte über die Welten von Erleben und Erlebten, die mir eröffnet wurden, kam schnell der Wunsch in mir auf, filmisch etwas zu erarbeiten. Wir drehten den Kurzfilm „Iris mute“ (surrealistisches Drama, 20 min, 2012) und haben uns z. T. hierbei erstmalig als Gruppe zusammen gefunden und organisiert.
Der Film wurde international auf Filmfestivals gezeigt und unsere Gruppe arbeitet seitdem stetig weiter an Projekten. Wir wollen diese Arbeit auch weiterhin gemeinsam fortführen.
Dies ist nun das erste Projekt, bei dem wir staatliche Förderung beantragen.
Aus dem Grund, dass wir die Ausdrucksform, die wir uns im Laufe der Jahre erarbeitet haben, erstmalig auf eine größere Bühne übertragen wollen, mit Ermöglichung der Umsetzung von aufwendig konzipierten Bühnen- und Kostümbild.
Wir stellen uns eine Arbeitsphase vor, in der es uns erstmalig ermöglicht wird, unser Konzept in all seinen Teilchen in intensivierter Form zusammenfügen zu dürfen. Die Atmosphäre des Delphi Stummfilmkinos steht einzigartig in Einheit mit unseren Bildern.
Unser Ensemble Ourobouros trifft sich wöchentlich seit Oktober 2014 im Kulturzentrum Königstadt am Senefelder Platz zum Proben.
Die Geschichte sowie die Charaktere für „KRUD“, wurden zu Teilen in diesem Prozess erarbeitet.
Es handelt sich um ein surrealistisches Drama mit Einflüssen der Groteske, welches die Themen Angst, Liebe und Unterbewusstsein zentral behandelt.

Die lineare Erzählweise wird durch Diskurse unterbrochen, die persönliche Emotionen und Gedanken, die in einer gemeinsamen Situation, jedoch bei jeweils nur Einem der Beiden sichtbar gemacht werden, aufzeigen.
Diese Diskurse bilden das Unterbewusste ab. Das Unmittelbare. Sie erzählen zum Einen von der Sicht, die durch eine Psychose oder Persönlichkeitsstörung verzerrt oder intensiviert, bzw. eingeschränkt oder eröffnet wird.
Zum Anderen erzählen sie von dem, was dieser Verzerrtheit Ihren Ursprung gab.

Während des Stücks verwandeln sich Personen und Objekte sowie der Raum, in dem sie sich befinden. Zu dem, was uns Zeuge eines Erlebens werden lässt, was uns sonst in Worten versucht wird zu beschreiben und dennoch unbegreiflich bleibt.
Es stellt den Versuch dar, uns diesem Begreifen zu nähern.

In einer Szene empfindet der Protagonist Abscheu, gegenüber der gelben Finger seiner statischen Mitpatienten im Raucherraum. Sie verwandeln sich in dampfende Fleischschläuche, gefangen in der ewigen Mechanik des Ein- und Auspustens ihres Rauches, sowie in der ewigen Mechanik ihrer aus seiner Sicht armseligen Existenzen. In einer anderen Szene, isst Elise mit Ihren Eltern zu Tisch. Sie sitzt auf der Bühne auf einem Stuhl, mit dem Rücken zum Publikum, während die Eltern ihr gegenüber sitzen, meterhoch an die Wand projeziert. Die verschobenen Größenverhältnisse unterstützen die erdrückende Atmosphäre im Raum und die Sichtbarkeit der Verhältnisse unter Einander.
In einer weiteren Szene, befindet sich Elise am Grunde des Ozeans. Am Grunde von sich selbst. Dem Ort, wo sie Ihr Über-Ich in Form einer alternden, hässlichen Meerjungfrau stetig abwertet und sie daran erinnert, was sie alles nicht tut, zu dem sie imstande wäre. Elise arbeitet an einem geschönten Gemälde der alten Dame, die niemals zufrieden ist. Dies bildet eine Metapher zu der krankmachenden Kluft, die zwischen ihrem Über-Ich und der Realität steht.

Das Publikum nimmt eine voyeuristische Rolle ein, bei der Betrachtung von Gegebenheiten, die in einer Metamorphose in die intime Perspektive des jeweiligen Erzählers auf die Gegebenheiten, gleiten.
Die Bildsprache ist symbolhaft, z. T. verstörend, opulent und grotesk. Sehr visuell konzipiert mit zahlreichen handgefertigten Kostümen und Requisiten, sowie multimedial mit Videoprojektionen (u. a. auch auf bewegte Objekte und Protagonisten). Ein Musiker im Orchestergraben vertont das Stück live mithilfe von zahlreichen z. T. selbstgebauten Instrumenten und anderen Klangerzeugern in Choreographie und Interaktion mit dem Schauspiel.